Startseite > Ayn Rand, Ethik, Gesellschaft, Wirtschaft > Ayn Rand: Krieg und Frieden, Staat und Freiheit.

Ayn Rand: Krieg und Frieden, Staat und Freiheit.

Kapitalismus ist Frieden. Kaum ein Zeitgenosse wird dieser These auf Anhieb zustimmen. Zu tief sitzt die Gewissheit, dass Gier und Profitstreben die Grundübel unserer Spezies sind. Es gehört schließlich zum guten Ton, zu wissen, dass Kapitalismus Imperialismus bedeutet, dass Kapitalisten vom Krieg profitieren und dass sie Kriege um Märkte und Rohstoffe führen.

Aber was ist Kapitalismus? Kapitalismus ist allen voran ein Kampfbegriff, der von seinen Widersachern geprägt wurde. Er wurde geschaffen und benutzt, um alle negativen Assoziationen der Unannehmlichkeiten der Moderne in ihm zu bündeln. Nüchtern betrachtet ist dies dahingehend korrekt, dass Kapitalismus das Gesellschaftsmodel der Moderne ist. Denn es ist das einzige System, dass sich von der Idee der sogenannten Stammesprärogative abwendet. Kapitalismus ist Marktwirtschaft – eine Wirtschaft, in der ein jeder eigenverantwortlich mit anderen freiwillig kooperiert. Eigenverantwortung und Freiwilligkeit bedingen dabei einander. Und nur beide zusammen garantieren, dass jeder Mensch ein absoluter Wert, ein Zweck an sich – sein eigener Zweck – ist und gerade nicht als Mittel zum Zweck anderer missbraucht werden kann. Nur wer die Freiwilligkeit seines Gegenübers respektiert, achtet ihn als vollwertigen Menschen.

Eine Ordnung, in der jede zwischenmenschliche Interaktion auf Freiwilligkeit beruht ist eben die Marktwirtschaft – ist Kapitalismus. Es gibt wohl kaum etwas, das grundlegender missverstanden und immer wieder diskreditiert wird als dieses erste Prinzip des Humanismus: der Respekt vor dem freien Willen unserer Mitmenschen. Denn es ist nicht der Profit, der die Marktwirtschaft bestimmt. Es ist die Freiwilligkeit. Profit ist allenfalls der Anreiz für Menschen, freiwillig Interaktionen einzugehen, an denen sie sonst kein Interesse hätten. Aber wie viele Interaktionen finden täglich zwischen den Menschen statt, ohne dass es dabei um Geld oder Profit ginge! Und wer ist eigentlich der Antisoziale: derjenige, welcher für eine Leistung, die er einem anderen teilwerden lässt, eine Gegenleistung erwartet, oder jener, der seinem Gegenüber die Gegenleistung verweigert und ihm stattdessen mit vorgehaltener Waffe etwas von Solidarität vorstammelt?

Die heutigen Sozialingeneure (Verfechter solcher Phrasen wie „sozialer Gerechtigkeit‟) hängen immernoch dem urzeitlichen Stammesvorrecht an, das seit Renaissance und Aufklärung eigentlich überwunden sein sollte. Ursprünglich, in der Zeit also bevor die Menschen sich selbst als frei und unabhängig denken konnten, war es das Stammesoberhaupt, dem jeder Einzelne seine Loyalität schuldete. Der Stamm war die Einheit allen Lebens und der Einzelne war nur ein Bestandteil dessen. Jeder Mensch wurde nur danach geachtet, was er zum Stamm beitrug und jegliches Privateigentum war von der Gnade des Stammeskönigs abhängig. Das ist es, was Ayn Rand die Prämisse der Stammesprärogative (tribal premise) nennt. Zurecht wurden die Menschen als unfrei angesehen. Mit glühendem Eifer kämpften die großen Denker der Aufklärung für die Befreiung der Menschen, sahen in jedem einzelnen von ihnen ein Genie unschätzbaren Wertes und gaben ihnen das philosophische Rüstzeug an die Hand, um sich aller Ketten zu entledigen. Doch anstatt das Feuer des Prometheus anzunehmen, um Licht in die Welt zu bringen und sich an ihm zu wärmen, wurde es nur zum Brandschatzen und Marodieren missbraucht. Denn die Menschen befreiten sich mitnichten aus ihrer Sklaverei, sondern wechselten einfach den Despoten. Sie gehörten nun nicht mehr dem absoluten Staat, dargestellt durch einen Monarchen, sondern dem absoluten Staat, dargestellt durch das Volk selbst. Die gleiche Prämisse der Stammesprärogative, des Vorrechts des Kollektivs vor dem Individuum, hatte sich jedoch nicht geändert und ist heute immernoch präsenter denn je.

Das ist der Unterschied zwischen der Forderung „Der Souverän ist das Volk‟ und dem Versprechen „Jeder ist sein eigener Souverän‟. Das ist die Prämisse, aufgrund derer Menschen eingesperrt werden können, weil sie nicht genug Steuern gezahlt haben, selbst wenn sie Millionen mehr eingezahlt haben, als die meisten ihrer Mitbürger. Es ist eben diese Prämisse, die in voraufgeklärter Zeit wurzelt, als dem Individuum noch keine eigenständige Bedeutung zugestanden wurde, als alles, was es hergestellt und hervorgebracht hat zuerst dem Stamm gehörte und dem Einzelnen wenn überhaupt nur aufgrund des Gutdünkens des Stammes(oberhaupts) überlassen wurde. Nur auf dieser Grundlage ist es möglich, zu mahnen, Unternehmen klauten Steuern, wenn Sie Steuervermeidungsstrategien entwickeln. Auf dieser Grundlage sind es also nicht jene, die zu anderen gehen und ihnen mit vorgehaltener Waffe den Ertrag ihrer Arbeit abpressen, die verwerflich handeln, sondern jene, die den Ertrag ihrer eigenen Arbeit für sich selbst und damit für ihre Angestellen und ihr Unternehmen behalten wollen. (Ganz davon abgesehen, dass wir diesen Steueroasen und Steuervermeidungsmöglichkeiten dankbar sein sollten, weil die Arbeitsplätze und Produkte, die von diesen Unternehmen geschaffen werden, wohl schlicht nicht existieren würden, weil sie bei der tatsächlichen Steuerlast unrentabel würden.)

Und es ist genau diese Prämisse der Stammesprärogative, die verantwortlich ist für Kriege. Für alle Kriege, welche die Menschheit je führte und die die Menschheit auch weiterhin führen wird, solange diese Prämisse unangetastet bleibt. Denn aus ihr leitet sich unmittelbar der Anspruch ab, dass es gerechtfertigt ist, seine Ziele mit Zwang zu erreichen – anstatt ganz „kapitalistisch‟ die Freiwilligkeit seines Mitmenschen zu respektieren. Und sie lässt zu, dass ein diffuses „Allgemeingut‟ eine hinreichende Rechtfertigung für die Anwendung körperlicher Gewalt ist. Diese Prämisse erhebt Gewalt zu einem unausweichlichen Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens. In der politischen Sphäre ist dies die Weltsicht des Etatismus: die Überzeugung, dass zwischenmenschliche Probleme mit Staatsgewalt gelöst werden können und sollen. Der Etatismus kennt verschiedenste Nuancen, von der Wohlfahrtseudaimonie, über Sozialismus bis hin zu Faschismus und Kommunismus. Das verdeutlicht, dass auch wenn viele Etatisten sich gegen Krieg engagieren und sich selbst Pazifisten nennen mögen, sie sich doch nicht gegen die Gewalt an sich wenden. Denn Gewalt als Mittel der gesellschaftlichen Formung und Lenkung ist ihnen durchaus recht. Die etatistischen Pazifisten befinden sich also in der skurrilen Lage, dass sie zwar gegen Gewalt zwischen Staaten – also zwischen bewaffneten Truppen – sind, aber kein Problem mit hochgerüsteter staatlicher Gewalt gegen unbewaffnete Bürger haben.

Es ist schließlich auch genau diese Prämisse, auf der die kollektive Korruption unserer modernen Demokratie ruht, in der jede Interessengruppe versucht politischen Einfluss zu gewinnen, um der eigenen Klientel Privilegien (notwendigerweise) auf Kosten aller anderen zu sichern. Diejenigen, die am verbittertsten und rücksichtslosesten um politische Macht kämpfen, sind jene, die sozial am erfolgreichsten erscheinen. So sind es auch keine Kapitalisten im eigentlichen Sinne, also Verfechter einer freien Marktwirtschaft, die die Hauptprofiteure des heutigen Systems sind. Es ist viel mehr das Big Business, jene also, die es sich leisten können, eine starke Lobby aufzubauen, um sich selbst auf diese Weise mit Hilfe des staatlichen Gewaltmonopols Privilegien zu sichern. Diese Verfechter einer Mischwirtschaft sind keine Kapitalisten im hier verwendeten Sinne, sondern au contraire gewöhnliche Etatisten. Die Menschen werden so zu rivalisierenden Banden. Dies ist die unausweichliche Konsequenz, wenn Gewalt im politischen System insitutionalisiert wird: ein immerwährender „kalter‟ Bürgerkrieg, der nur die Wahl lässt, zu plündern oder geplündert zu werden. Wenn die Individualrechte an Bedeutung verlieren, gibt es keinen Maßstab mehr, zu bestimmen, wem was zusteht. Dann zählt nur noch der politische Einfluss der eigenen Lobby. Damit schließt sich der Kreis zum Vorrecht des Stammes, bei welchem die eigenen Möglichkeiten nur durch die Macht der eigenen Gruppe beschränkt werden. Ein solches System schafft unausweichlich Angst, Zwiespalt und Niedertracht. Es ist die vollkommene Abkehr von Brüderlichkeit, Solidarität und Liebe.

Etatismus ist nichts anderes als der Oberbegriff für alle Diktaturen, denn Diktatur ist die Herrschaft einer Gruppe, die den Ertrag der Produktiven plündert. Und wenn der abzuschöpfende Ertrag der eigenen Wirtschaft zur Neige geht, muss sich der etatistische Herrscher an seine Nachbarn halten. Es versteht sich, dass dies nicht in friedlicher Gesinnung passieren kann. Es ist seine einzige Möglichkeit, den inneren Kollaps abzuwenden. Das ist der Grund, warum Etatismus notwendig zu Krieg führt. Nichtsdestotrotz ist es der Kapitalismus, der von den heutigen Pazifisten verdammt, und der Etatismus, der hofiert wird. Dabei ist laissez faire Kapitalismus das einzige soziale System, das Individualrechte bedingungslos anerkennt und damit jegliche Form von Gewalt aus den sozialen Beziehungen verbannt. Von der Natur seiner grundlegenden Axiome und Funktionsweisen ist der Kapitalismus das einzige System, das eine fundamentale Abkehr vom Krieg darstellt. Ehrliche, freie und produktive Menschen haben vom Krieg nichts zu gewinnen, aber jede Menge zu verlieren. Abgesehen von all dem persönlichen und menschlichen Elend, das mit Krieg einhergeht, kostet er vor allem viel Geld. In einer freien Gesellschaft, in der Wohlstand privat besessen wird und die Kosten aus den privaten Einnahmen gedeckt werden müssen (insbesondere wenn es keine staatlichen Zentralbanktricks gibt, diese zu verschleiern), ist das wirtschaftliche Interesse jedes Einzelnen auf der Seite des Friedens. In einer etatistischen Gesellschaft hingegen, in der Wohlstand ein „öffentliches‟ Gut ist, hat der Einzelne kein besonderes wirtschaftliches Interesse daran, den Frieden zu wahren. Krieg bedeutet dann nur die verhängnisvolle Hoffnung auf größere Anerkennung durch „Heldentaten‟. Der Einzelne wird zum Opfertier und kann nicht verstehen, warum andere nicht auf dem gleichen öffentlichen Altar für das gleiche öffentliche Wohl geopfert werden sollen.

Krieg hat also nichts mit „kapitalistischer‟ Außenpolitik gemein. Die außenpolitische Agenda des Kapitalismus ist Freihandel. Und dieser hat nicht zu Krieg geführt, sondern hat in der relativ kurzen Zeit, in der er tatsächlich überwiegend praktiziert wurde (im 19. Jahrhundert) die Welt von dem verbleibenden Feudalismus und der etatistischen Tyrannei des Absolutismus befreit, bevor er dann im beginnenden 20. Jahrhundert wieder vom überhand nehmenden Etatismus erdrückt wurde. Die unmittelbare Konsequenz war ein Jahrhundert mit den verheerendsten Kriegen, die die Menschheitsgeschichte je gesehen hat.

Kapitalismus führt auch keinen Krieg um Märkte. Märkte können nicht durch Krieg erschlossen werden. Natürlich können auf einem gewaltsamen Wege „gewonnene‟ Märkte einen gewissen Wert für eine gewisse Dauer haben. Aber nur für jene Verfechter einer gemischten Wirtschaft, die politischen Einfluss haben und diesen nutzen, um sich Vorteile zu verschaffen, indem sie diesen Markt gegen internationalen Wettbewerb abschotten und sich und ihrem eigenen Klientel zwangsweise Privilegien durchsetzen. Aber das sind Privilegien, die sie in einer freien Marktwirtschaft nie erhalten hätten. Diese Märkte werden also nicht erschlossen, sondern verschlossen. Die Marktwirtschaft gewinnt und hält Märkte nur durch freien Wettbewerb. Denn während Etatisten davon leben, ihre Mitmenschen auszubeuten, leben freie Menschen davon, Güter zu produzieren und zu tauschen.

Pazifismus beginnt also nicht mit der Ablehnung der Gewalt zwischen Staaten. Die erste Voraussetzung für wirklichen Frieden ist die Ächtung jeglicher Gewalt zwischen Menschen. Erst im zweiten Schritt wird sich so auch kriegerische Gewalt vermeiden lassen. Es bleibt zu hoffen, dass die Menschheit mit einem knappen halben Jahrtausend Verspätung einen Weg findet, nicht nur in den Sphären einzelner Philosophen, sondern für jeden Einzelnen in die Moderne einzuziehen und die Stammesprärogative endlich hinter sich zu lassen. Erst wenn es keine legitime Rechtfertigung mehr für die Anwendung von Gewalt gegen friedliche Menschen gibt, wird es der Menschheit gelingen, in Frieden zu leben.

 RW


Der Aufsatz beruht im Wesentlichen auf Ayn Rands Essays „What is Capitalism?‟ (1965) und „The Roots of War‟ (1966), in: „Capitalism: The Unkown Ideal‟. Diese Essay-Sammlung ist zur Vertiefung ebenso zu empfehlen, wie neben anderen Werken Rands ihr Opus magnum „Atlas Shrugged‟ (dt.: „Der Streik‟). Einen schnellen Einstieg zur Person Ayn Rands, ihren Werken und dem Objektivismus bietet die englische Seite des Ayn Rand Institutes (http://www.aynrand.org/).

Advertisements
  1. Susanne Kablitz
    November 14, 2014 um 7:09 am

    Großartig!

  2. November 14, 2014 um 6:48 pm

    Nicht übersehen, dass das Lob dem Gastautoren (RW) gebührt 🙂

  1. November 18, 2014 um 11:01 pm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: